for german speakers: text about gender in the performative arts by Sara Ostertag

21 Aug

Woher kommt der Frauenschwund?
Fragen zur Genderproblematik in Theaterstrukturen

Von Sara Ostertag

Intro: Das Theater ist ein Ort an dem gesellschaftliche Utopien und politische Visionen seit jeher entworfen und gelebt werden. Doch wie sieht es mit den Strukturen hinter der Bühne aus? Ist die aktuelle Genderdebatte dort schon angekommen? Es scheint an der Zeit, ein paar Fragen zu stellen.

Das Theater ist ein Ort des Diskurses, an dem Missstände thematisiert und Wunschproduktion betrieben wird. Das Theater ist ein Ort, an dem die Revolution als sprühendes Fest der nicht mehr zu haltenden kreativen Lebenskräfte losbricht. Wirklich? Ist das so?
Betrachtet man zum Beispiel das Thema Gendergleichstellung, ist diese Revolution auch mit dem Hubbleteleskop gesucht, eine kaum auszumachende Minigalaxie fernab unserer gegebenen Realität.
Betrachten wir das Theater mal etwas genauer: Warum finden wir gerade hier immer noch erschreckende Quoten und patriarchale Herrschaftsdomizile? Merkwürdig an dieser Beobachtung ist, dass Frauen im Theater in manchen Berufsgruppen sogar in der Überzahl sind – und in den theaterorientierten Studiengängen sogar recht deutlich. Aber was passiert mit diesen kreativen, talentierten jungen Frauen, wohin diffundieren sie? Während Frauen in den theater-, tanz-, und kunstpädagogischen oder anderen vermittlungsorientierten Arbeitsfeldern überdurchschnittlich stark vertreten sind, ist die Zahl der leitenden Dramaturginnen, Schauspiel-, Tanz-, Opern- und Orchesterleiterinnen schon wesentlich geringer. Hat man dann die Höhen der Intendanzbüros erklommen, sind Frauen die Ausnahme.

Scheitern im Netzwerk?
Ein paar Fakten: Bis zu 80 Prozent der Frauen machen in theaterorientierten Studiengängen universitäre Abschlüsse, in leitenden Funktionen liegt ihr Anteil laut der Plattform “Theaterfrauen” bei nur 14,2 Prozent. Ähnliches haben die Initiatorinnen der theaterwissenschaftlichen Plattform an der FU Berlin für Regiepositionen recherchiert: Ca. 50 Prozent der Regieassistenzjobs werden von Frauen ausgeführt. Unter den Regieführenden findet man jedoch nur 29 Prozent. Auch bei Betrachtung der Einkommenssituation gibt es Auffälliges. Zum Beispiel besagt die “Studie zur Sozialen Lage der Künstlerinnen und Künstler in Österreich”, dass Frauen im Durchschnitt 35 Prozent weniger Einkommen aus künstlerischen Tätigkeiten erwirtschaften als ihre männlichen Kollegen.
Was ist faul im Staate Dänemark? Das Theater ist nicht nur ein Markt der Selbstdarstellung und Ich-AG-Vermarktungswelt, sondern auch ein Netzwerk aus sogenannten Arbeitsfreundschaften, Freundschaftsdiensten und Empfehlungen, in dem man sich brutal zu behaupten hat. In diesem egoorientierten Wirrwarr schneiden Frauen aber scheinbar trotz überdurchschnittlich guter Ausbildung und exzellenter künstlerischer CV´s schlechter ab.
Müssen Frauen weil sie Frauen sind besser sein als ihre männlichen Kollegen? Verkaufen sie sich schlechter? Sind sie weniger laut? Sind sie weniger skrupellos? Alles Fragen, die ich mir eigentlich definitiv nicht stellen müssen will.
Wo in den Spielplänen der Groß- und Mittelbühnen sind die großen Frauenrollen? Wo sind Stoffe, die klassische Genderbilder hinter sich lassen, sich nicht auf die gegebenen Machtverhältnisse beziehen und verfestigen, sondern Thematiken Fragen und Visionen über dieses überholte Denksystem hinaus entwerfen? Ja, es gibt sie. Aber man muss sie suchen in den Nebenspielstätten, in den Researchprojekten der Koproduktionshäuser der Freien Szene, in Galerien und Offspaces und findet sie in kleinen Inszenierungen meist junger Frauen. Und das ist das Problem. Wer spricht wann wo aus welcher Position und wer reglementiert das? In der Regel männliche Kollegen in Machtpositionen. Weil die Auseinandersetzung mit diesen Fragen offensichtlich weniger Prestige, Publikum und Presse bringt?
Bei der Geburtstagsfeier der seit 1985 anonym agierenden Künstlerinnengruppe Guerilla Girls aus New York an der Wiener Akademie der Bildenden Künste wurde gefragt, warum eigentlich keine Männer mitarbeiten bzw. sukzessive weggefallen sind. Darauf antwortete eine der langjährig mitwirkenden Künstlerinnen des Kollektivs: Welcher Mann würde seit 30 Jahren für quasi kein Geld mit hohem Aufwand Kunst produzieren und dabei anonym bleiben? Ich kenne keinen.

Klassische Genderkonflikte dominieren Spielpläne
In den sogenannten Klassikern finden sich nur vereinzelt Frauenfiguren, die sich nicht durch die Abhängigkeit zu einem Mann oder durch einen „klassischen“ Genderkonflikt definieren. Sehr selten findet man Frauenfiguren, die die Geschichte maßgeblich tragen, ohne dabei inhaltlich eigentlich die Abhängigkeit zu einem Mann zu verhandeln. Hierzu gibt es in der internationalen Filmwelt übrigens den “Bechdel Test”. Dieser Test untersucht Besetzung, Rollen und Story auf ihre Genderrepräsentation. Um den Test zu bestehen, muss das Drehbuch mindestens zwei weibliche Rollen aufweisen, die miteinander einen Dialog führen, in dem es sich nicht um einen Mann dreht. Wie viele unserer hochheiligen Klassiker und viel gespielten Bühnenstoffe im Erwachsenen- und Jugendspielplan würden diesen Test passieren?
Diese Debatte um Inhalt, Arbeitspolitik und die Struktur der Institutionen ist aber nicht auf das Stadttheater im deutschsprachigen Raum beschränkt. Die Filmschaffenden und Autorinnenschaft in den USA und Großbritannien beschäftigen sich ebenfalls mit diesen Fragestellungen. Der Unterschied ist: An anderen Orten bekommen diese Debatten mehr Echo und größere relevantere Bühnen.
Ein interessantes Beispiel aus den USA ist die unglaublich junge und erfolgreiche Allroundkünstlerin Lena Dunham, Erfinderin und Star der HBO-Erfolgsserie “Girls”. Dunham macht auf satirisch brillante Weise junge Frauen in der Kreativ-Branche zum Thema eines von Millionen gesehenen Formats. Der große Unterschied: Dunham und das Thema bekommen eine mächtige Bühne, nämlich einen Sendeplatz bei HBO. Das heißt aber auch, dass es das Publikum und das Bedürfnis der Auseinandersetzung gibt. “Girls” ist in seinem Genre auch nicht die Regel sondern die Ausnahme – aber wenigstens eine große, präsente, erfolgreiche, ernst genommene, gefeierte Ausnahme.

Müssen wir eventuell also unsere Inhaltsproduktion genauso scharf überdenken wie unsere Arbeitspolitik? Und welche Inhalte wir auf welche Repräsentationsposten setzen? Eine Vielzahl der präsentierten Stoffe an Theatern haben wenig bis nichts mit gegebenen gesellschaftlichen Realitäten zu tun bzw. werden mühevoll mit scheinbar relevanten Deutungen, Zeichen und Symboliken befüllt, dekoriert und umgestrickt. Anstatt zu sagen: Liebe Emilia Galotti, du bleibst in der Schublade. Wir sind mittlerweile etwas weiter beim Genderthema.
Mir fehlt die großflächige Auseinandersetzung mit Thematiken, Geschichten Projekten und Formaten, die sich fernab der Fragen von Genderzuschreibung befinden bzw. die ein lustvolles kreatives radikales Spiel damit betreiben. Und all das auf den Titelseiten und den großen Bühnen. Und gerade das Theater für junges Publikum hat diese Auseinandersetzung mehr als nötig.

Links, Referenzen
https://editionf.com/falschen-stueck-all-frauen-hin
http://www.kunstkultur.bka.gv.at/Docs/kuku/medienpool/17401/studie_soz_lage_kuenstler_en.pdf
http://www.kulturrat.de/detail.php?detail=2543&rubrik=5
http://www.guerrillagirls.com/interview/faq.shtml
http://bechdeltest.com/
http://www.huffingtonpost.com/lauren-gunderson/theatres-audiences-are-ma_b_1388150.html
http://www.theguardian.com/stage/theatreblog/2012/feb/22/female-playwrights-sexism-theatre

Sara Ostertag ist Hausregisseurin am Staatstheater Mainz und künstlerische Leiterin des in Wien basierten Kollektives makemake produktionen. Sie lebt und arbeitet zwischen Österreich, Deutschland und den Niederlanden.

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